Einführungsrede von Gerd Ruge

Perestroika - vor zwanzig Jahren war das ein deutsches Umgangswort:Umbau des Kommunismus, der Sowjetunion, der sozialistischen Gesellschaft, - ein Leitwort des Reformprogramms von Michail Gorbatschow.
Nun fast vergessen in einem Russland, indem kaum einer ideologische Träume mehr verfolgt und die ganz knappe, normale Bedeutung des Worts „Umbau“ mit allen nüchternen, praktischen, oft ärgerlichen Problemen des Bau- und Wohnungswesens die politischen Hoffnungen überlagert hat. Hier also ein Film ganz von heute, aus dem Leben normaler russischer Familien in Sankt Petersburg, das einmal das Zentrum des Imperiums der Zaren war, dann nach Lenin umbenannt wurde, und nun wieder unter dem Namen seines grossen Gründers sich aus den Trümmern des sozialistischen Gesellschaft herausarbeiten möchte.
Wie schwer, wie lange nachwirkend die Erinnerung an ein zerfallenes Imperium ist, wie schmerzhaft sein Umbau, wissen wir von den Imperien, die wie Frankreich oder Grossbritannien nach dem 2. Weltkrieg zerfielen. Die Verwandlung Russlands in das, was es heute werden könnte, verändert nicht nur Bewusstsein und Gesellschaftsaufbau, sondern greift ganz tief in das Leben der Menschen ein, - besonders schmerzhaft bei einfachen Leuten aus der unteren Mittelschicht, die in der oft quälenden Enge der sowjetischen Gesellschaft ihr Leben einrichten mussten. Wie schmerzlich das für sie sein kann, was da von ihnen gefordert wird, wenn sie mit den Veränderungen in ihrem Leben ringen müssen, das zeigt ein Film wie dieser. Das ist ja der Vorteil eines Dokumentarfilms, dass er die ideologische Oberfläche verlassen kann und tief in die Stollen der Gesellschaft, fast möchte ich sagen: in ihre Eingeweide einfährt.
In der verschachtelten Welt einer Gemeinschaftswohnung erleben wir diesen Prozess aus allernächster Nähe mit. Wie sie einer Welt mit neuen Gesetzen, Eigentumsformen, Gewinnen und Kosten begegnen, wie sie damit fertig werden müssen, ohne viel mehr zu
verstehen als sie früher, in einer Welt sozusagen sowjetisch geregelter Eigentums- und Lebensverhältnisse verstanden haben. Dieser Film nimmt in die Tiefe eines zerrissenen Gesellschaftssystems mit, die unseren Augen sonst fast immer verborgen bleibt.
Ich jedenfalls habe mich in vielen sowjetischen und russischen Jahren nie so tief in diesen Teil des Lebens verstrickt. Tatsächlich habe ich vor vielen Jahren einmal vorgehabt, eine Wohnung zu kaufen. Aber ich konnte einfach nicht verstehen, was ich da kaufen würde; den leeren Raum zwischen den Wänden? Auch die Wände? Und ein Stück vom gemeinsamen Dach, - falls das nicht Besitz und Last der Leute auf der obersten Etage war. Ich habe es weder verstanden noch riskiert - und nach diesem Film weiss ich erst recht, wie klug das war.
In der Kommunalka, der Gemeinschaftswohnung von Menschen, die keine Gemeinschaft waren oder sein wollten, zeigen sich die enormen Schwierigkeiten, denen sich einfache Leute, ganz normale Leute, nette, biestige, harmlose, gerissene, witzige Leute ausgesetzt sehen, wenn sie den unübersichtlichen Veränderungen gegenüberstehen. Das ist der Untergrund der Verwandlung der Menschen und des Landes, nicht an Hand volkswirtschaftlicher Theorien gezeigt, sondern aus der Nähe ihrer alltäglichen Schicksale. Das kann, denke ich manchmal, kein Medium besser als ein Dokumentarfilm, ein sehr guter Dokumentarfilm.

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