Prädikat "besonders wertvoll"

Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden vergibt pereSTROIKA das Prädikat "besonders wertvoll" und erklärt ihn zum Dokumentarfilm des Monats.

 

Begründung: "pereSTROIKA erzählt eindrucksvoll und höchst unterhaltsam aus dem Mikrokosmos des russischen Alltags und dabei lernt der Zuschauer viel über die tatsächliche Befindlichkeit der russischen Gesellschaft. Staunend erfährt man, dass aus Mangel an Wohnraum in Petersburg auch heute noch Einzelpersonen wie auch ganze Familien gezwungen sind, sich mit mehreren Parteien eine Wohnung zu teilen und dabei meist nur ein Zimmer bewohnen. In ihrem äußerst authentischen Dokument schafft es die Filmemacherin ganz nah an diese sonst eher verschlossenen Bewohner heranzutreten, ihre Situation zwischen der kommunistischen Wohnform und der rauen, kapitalistischen Lebenswirklichkeit zu schildern und damit zu nachhaltigen Überlegungen anzuregen. Ein ungewöhnlich intensiver Einblick in eine andere Lebenswirklichkeit."

 

Gutachten der FBW-Jury

Perestroika heisst Umbau. Die von Gorbatschow geprägte Metapher für die Reformierung der Gesellschaft steht in dieser Dokumentation für die Generalsanierung einer ehemaligen sowjetischen Kommunalwohnung, einer Kommunalka.

Eine Bewohnerin beschreibt die Ausgangssituation so: Eine Gemeinschaftswohnung ist so etwas wie ein Wohnheim. Man treibt verschiedene Familien in eine Wohnung, die dann miteinander leben müssen.

Nach dem Ende des Sozialismus schenkte der Staat den Bewohnern ihre Zimmer. Nun soll eine solche Kommunalka im Zentrum von St. Petersburg entmietet, verkauft und umgebaut werden. Ein langer Weg beginnt.

PereSTROIKA ist ein Dokumentarfilm, der wie ein Krimi wirkt und zugleich eine faszinierende systemkritische Studie ist. Die Auflösung der Kommunalka wird zum Gleichnis für Glanz und Elend der Gesetze einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Ein Crashkurs in Kapitalismus und im Brecht'schen Sinne ein Lehrstück.

Die Perestroika gerät zur wahren Sisyphus-Arbeit mit immer neuen Komplikationen: Eine Kette von Käufen und Verkäufen, von komplizierten Tauschvorgängen. Ein endloses Geschacher, wobei ein Klecks in einem Pass das gesamte Projekt am Ende fast noch zum Scheitern bringt. Ein schier unentwirrbarer Knoten bietet sich dem wie gebannt einbezogenen Zuschauer. Erst nach sechs Monaten und sechs Stunden kommt es für die Bewohner zur Auflösung.

Filmemacherin Christiane Büchner weilte dank einiger Stipendienaufenthalte schon mehrfach für längere Zeit in St. Petersburg und Moskau. 2002 drehte sie den viel beachteten Dokumentarfilm "Das Haus der Regierung". Auch ihre jüngste Arbeit dokumentiert ihre erstaunliche Nähe und Vertrautheit mit Menschen und Vorgängen in der ehemaligen Sowjetunion und dem kapitalistischen Wandel.

So entstand ein beeindruckendes Gleichnis unsere Zeit, in dem sich Erkenntnisgewinn mit dem Vergnügen an der Darstellung zu einer schönen Synthese findet.

Als Jurymitglieder haben mitgewirkt: Fred Gehler, Prof. Kurt Johnen, Volker Kufahl, Heidrun Reshöft, Hannelore Willié

Zurück